Vollständig präsent

Go for Singletasking

Wir leben in einer Zeit, in der Beschäftigung fast schon als Statussymbol gilt oder zumindest einmal galt. Wer zwischen verschiedenen Dingen jongliert, zwischen E Mails, Telefonen, WhatsApp Nachrichten und halb gegessenem Mittagessen, gilt schnell als produktiv. Ebenso jene, die Kinderbetreuung, Haushalt und Arbeit scheinbar mühelos verbinden und ganz nebenbei alles erledigen können. Multitasking klingt nach Effizienz, nach Tempo, nach moderner Leistungsfähigkeit. Doch genau das nehme ich als Irrtum wahr. Denn die Wahrheit ist unbequem. Unser Gehirn liebt keine fünf offenen Tabs gleichzeitig.
Es liebt Klarheit. Fokus. Ruhe. Es liebt es, wenn wir ganz bei einer Sache sind.

Singletasking, also bewusst nur eine Aufgabe nach der anderen zu erledigen, wirkt im ersten Moment fast altmodisch. Zu langsam. Zu simpel. Zu wenig spektakulär für eine Welt, die ständig mehr verlangt. Doch gerade darin liegt seine Kraft. Wer vollständig präsent ist, arbeitet nicht nur konzentrierter, sondern oft auch mit mehr Qualität. Ein Gespräch wird tiefer, wenn wir nicht nebenbei aufs Handy schauen. Eine E Mail wird klarer, wenn wir sie schreiben, statt gleichzeitig noch drei Chats zu beantworten. Ja sogar ein Kaffee schmeckt intensiver, wenn wir ihn trinken, statt ihn zwischen zwei To dos herunterzukippen.

Präsenz ist heute selten geworden. Vielleicht deshalb wirkt sie so wertvoll.

Singletasking ist deshalb nicht Verzicht, sondern Entlastung. Es bedeutet nicht, weniger zu leisten, sondern mit weniger innerem Lärm mehr Wirkung zu erzielen. Wer sich für eine Stunde voll und ganz einer Sache widmet, erreicht oft mehr als in drei Stunden hektischem Hin und Her und erzielt dabei spürbar zufriedenstellendere “Resultate”.

Und vielleicht geht es um noch mehr als Produktivität. Vielleicht geht es darum, wieder anzukommen. Im Moment. Im Gespräch. Im eigenen Leben.

Denn während wir versuchen, alles gleichzeitig zu tun, verpassen wir oft genau das, was gerade stattfindet. Vollständig präsent zu sein ist keine Schwäche. Es ist eine Art Disziplin und vor allem Qualität. Wer mag das nicht.

Und in einer überforderten Welt vielleicht die stillste Form von Stärke.

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