Meister im Geniessen

Bist du Meister im Geniessen?

Neulich sah ich vor einem Restaurant ein Schild: "Essen ist ein Bedürfnis, Geniessen eine Kunst." Mit diesem Bild frage ich mich: Ist Geniessen wirklich eine Kunst? Eine Fähigkeit, die manche beherrschen und andere nicht? Und wenn ja – kann man sie lernen?

Ich glaube ja. Geniessen ist kein Zufall und kein Talent, das man hat oder nicht hat. Es ist eine Fähigkeit, so wie Konzentration oder Geduld. Und wie jede Fähigkeit lässt sie sich üben oder verlernen.

Trotzdem beobachte ich, dass manche Menschen einfach besser geniessen können als andere. Sie setzen sich hin, essen ihr Brot, trinken ihren Kaffee und wirken dabei vollkommen zufrieden. Als wäre nichts leichter, als genau da zu sein, wo sie gerade sind. Andere hetzen durch dieselben Momente, selbst im Urlaub, selbst am freien Tag. Gibt es also so etwas wie Naturtalent im Geniessen? Menschen, denen es von Anfang an leichter fällt? Ich weiss es ehrlich gesagt nicht genau. Vielleicht ist es Veranlagung. Vielleicht Prägung. Vielleicht einfach mehr Übung, als man von aussen sieht.

Ein gutes Essen im Restaurant, ein Ausflug im Urlaub, da gelingt es fast automatisch, ganz bei der Sache zu sein. Bei der Arbeit dagegen denken die wenigsten ans Geniessen. Arbeit wird erledigt, durchgestanden, abgehakt. Dabei verbringen wir dort einen grossen Teil unseres Lebens. Wer nur auf Feierabend, Wochenende oder Ferien wartet, verschiebt das Geniessen auf später und verpasst dabei den grössten Teil der Zeit. Ich kenne auch das Gegenteil, eine Aufgabe, die mich fordert, ein Gespräch, das mich ganz einnimmt, ein Moment im Job, in dem ich nichts anderes wollte, als genau das zu tun. Das ist Genuss, auch wenn er anders aussieht und anfühlt als ein Glas Wein. Sogar der Abwasch auf dem Campingplatz, im Sommer, die Hände im warmen Wasser, kein Zeitdruck, kann so ein Moment sein. Kein Genuss im klassischen Sinn, und doch erfüllend, weil ich in diesem Moment nichts anderes wollte, als genau das zu tun.

Geniessen hat offenbar wenig mit dem Objekt zu tun. Und viel mit der Haltung, mit der wir ihm begegnen.

  • Bist du Meister im Geniessen – oder eher Anfänger?

  • Wie oft erlaube ich mir, bei meiner Arbeit und im Alltag ganz anzukommen?

Vielleicht liegt der Unterschied gar nicht im Erlebnis selbst, sondern in der Erlaubnis, die wir uns geben. Bei Exklusivem erlauben wir uns Aufmerksamkeit automatisch. Beim Alltäglichen – und bei der Arbeit erst recht – fehlt dieser Rahmen. Also müssen wir ihn selbst setzen.

Geniessen ist erlernbar. Jeder Tag bietet Übungsstunden dafür, auch bei der Arbeit, auch mitten im ganz normalen Tag.

Weiter
Weiter

Wegweiser